Die Stadt.

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Morgen wird ein großer Tag. Denn morgen eröffnet die Ausstellung, auf die wir seit Beginn meiner Praktikumszeit hinarbeiten: “Die Stadt. Vom Werden und Vergehen”. Im Bangkok Art and Culture Center (kurz: BACC) werden bis zum 04. Januar rund 150 Arbeiten der Berliner OSTKREUZ Agentur der Fotografen auf 3 Stockwerken in der Rotunde zu sehen sein. Allesamt Fotografien von 22 Großstädten weltweit, die unterschiedlicher kaum sein können. So gibt es eine Serie über die Künstlichkeit Dubais, das Elend in Gaza, den Gegensatz von Ordnung und Chaos in Lagos, die Utopie Auroville in Indien, die verlassene Stadt Prypiat bei Tschernobyl, das verborgene Atlantis und viele mehr. Anlässlich der Überschreitung der Marke, ab welcher mehr Menschen weltweit in Städten als auf dem Land leben, haben die OSTKREUZ Fotografen sich auf den Weg gemacht, den Kern der Stadt zu finden. Das, was sie ausmacht, was sie zu einem begehrenswerten Lebensmittelpunkt erhebt, was die Menschen anzieht und was sie dort hält. Aus diesen Einzelporträts ergibt sich das Bild einer Stadt, die zugleich wird und vergeht, die erschüttert und verzaubert, die anzieht und abstößt, die Träume erschafft und Träume erfüllt. Immer ist sie geprägt von den Menschen.

In einem 14-stündigen Marathon haben wir am Montag unter Anleitung der Fotografen und OSTKREUZ-Gründungsmitglieder Ute und Werner Mahler, welche selbst mit ihrer Serie “Monalisen der Vorstädte” in der Ausstellung vertreten und für den Aufbau nach Bangkok gereist sind, mit einem Handwerkerteam alle Bilder ausgepackt, sortiert, in Position gebracht und gehängt. Nun stehen uns lediglich noch die Anbringung und Installation von Bildtiteln, Wandtexten, Roll-up’s und Bildschirmen, sowie letzte organisatorische Dinge bevor, bis die Ausstellung am Abend endlich eröffnet wird. Ich freue mich riesig auf den Showdown dieses tollen Projektes und bin gespannt auf die Reaktionen, welche diese teils sachlich-rauen und teils poetischen Arbeiten bei den Besuchern auslösen werden!

 

Advent in Kuala Lumpur

Während ihr vergangenen Sonntag vermutlich gemütlich beim ersten Glühwein und backfrischen, selbstgemachten Keksen, dick einpackt in Schal, Mantel, Mütze und Handschuhe auf dem Weihnachtsmarkt in die Adventszeit gestartet seid und vielleicht sogar die ein oder andere Schneeflocke auf eurer Nase gelandet ist, bin ich für ein paar Stunden in die malaiische Kultur eingetaucht. Nach 90 Tagen in Thailand war es Zeit für meinen Visa Run, den ich vorsorglich bereits von Deutschland aus gebucht hatte, zumal ich nach dem Desaster vom letzten Jahr lieber keine bösen Überraschungen riskieren wollte. Also bin ich am Samstag in aller Früh in Bangkok gestartet und Sonntagabend mit neuem Stempel erneut eingereist.

Kuala Lumpur ist eine sehr beeindruckende Stadt, die so ganz anders als Bangkok tickt. Da die Kultur hauptsächlich muslimisch geprägt ist, unterscheiden sich auch das Stadtbild und die Atmosphäre sehr von den Städten Thailands. Und obwohl die Hauptstadt Malaysias immerhin rund 1,6 Millionen Einwohner zählt, wirkt sie nach drei Monaten Bangkok sehr beschaulich und übersichtlich. So war es nicht nur ein Klacks, die richtige U-Bahn Richtung Stadtzentrum, sondern auch mein Hotel zu finden, vor dessen Tür ich wenige Minuten später und ohne einmal auf die Karte gesehen zu haben stand. Leider hat mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung gezogen, sodass ich mich am verregneten ersten Tag hauptsächlich drinnen aufhalten musste. Neben dem Sentral Market (ja, hier schreibt man central mit “s” und die Einreisebehörde am Flughafen ist mit “Imigresen” ausgeschildert) habe ich mir den ehemaligen, mit zahlreichen Minaretten versehenen Hauptbahnhof, sowie das Museum of Islamic Art angesehen und Chinatown mit der bekannten Flaniermeile, der Petaling Street, erkundet. Trotz müder Beine fiel es mir schwer, in dem etwas muffigen Zimmer ein Auge zuzutun und so bin ich erst in den frühen Morgenstunden in einen festen Schlaf gefallen. Bis ich von einem altbekannten Geräusch geweckt wurde: Von ferne drang der Gesang des Muezzins in mein Zimmer und für einen Moment dachte ich, ich wäre wieder in Istanbul…

Ein Jahr ist vergangen und wieder nähert sich Weihnachten. Und so aufregend die Zeit hier ist, freue ich mich doch, im nächsten Jahr das volle Programm – Herbst, den Wintereinbruch und die komplette Adventszeit – in Deutschland zu erleben. Denn bei täglich 32°C sehne ich mich nun auch etwas nach der Kälte und dem nordischen Schmuddelwetter. Und nach euch natürlich :) Lang ist es nicht mehr und bis dahin werde ich hier jede Sekunde genießen und auskosten – wer weiß, wann meine Arme und Beine das nächste Mal die Sonne sehen.

Euch allen eine gemütliche Vorweihnachtszeit!

 
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Ab auf die Startbahn!
 

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Air Asia Crew
 

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Fensterputzer
 

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Pasar Seni Station
 

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Restaurierungsarbeiten in KL
 

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Hauptbahnhof
 

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Museum of Islamic Art
 

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452 Meter hohe Riesen: die Petronas Towers
 

Sonntags im Lumphini Park

Letzten Sonntag hat es mich ins Grüne gezogen und so habe ich mich im Lumphini Park wiedergefunden. Der Park ist eine der größten Grünflächen in der Stadt, liegt nur ein paar Minuten von meinem Apartment entfernt und bietet mit seinen vielen, für motorisierte Verkehrsmittel unzugänglichen Wegen einen idealen Ort für ambitionierte Fahrradfahrer, Jogger sowie Sonntagsspaziergänger wie mich.

Also habe ich ein paar Stunden im Lumphini Park damit verbracht, mal tief durchzuatmen, mir den Kopf über Gott und die Welt zu zerbrechen, Frauengruppen beim Aerobic zuzuschauen, mich von Eisverkäufern anquatschen zu lassen, Kinder beim Taubenaufscheuchen zu beobachten, die ersten Fahrradfahrversuche eines kleinen Mädchens zu erleben, von Waranen angefaucht zu werden, Senioren beim Brettspiel-Duell zuzusehen und auf der Parkbank in die Sonne zu blinzeln. Diese steht mittlerweile deutlich tiefer als noch im September und alle sagen dass es kalt geworden sei. Ich aber spüre keinen Unterschied, abgesehen davon, dass es aufgehört hat zu regnen.
 

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Merry-Go-Round

“Round ‘n’ round
Carousel
Has got you under its spell
Moving so fast, but
Going nowhere

Up ‘n’ down
Ferris wheel
Tell me how does it feel
To be so high
Looking down here

Is it lonely?”

Diese Zeilen gingen mir durch den Kopf, als ich den Jahrmarkt in Ubon Ratchathani betrat. Nach einem trubeligen Vormittag an der städtischen Schule und des Besuchs mehrerer Tempel in der Umgebung am Nachmittag, wurde uns verkündet, dass Jahrmarkt sei. Wir hätten besonderes Glück, da diese in Thailand eher selten seien und nur alle paar Jahre einer in Ubon stattfinde, hieß es. Also stellten wir uns auf einen lustigen Mädelsabend mit Fahrgeschäften und Zuckerwatte, viele Menschen und übermütigen Kindern und allem, was sonst noch dazu gehört, ein. Und das wurde es auch, nur so ganz anders als ich es erwartet hatte.

Was hat es eigentlich mit diesem Retro-Charme von Jahrmärkten auf sich? Während die Freizeitparks sich Jahr für Jahr mit immer neuen Entwicklungen in Höhe, Länge, Geschwindigkeit und Sensation übertreffen, unterscheiden sich die heutigen Jahrmärkte kaum von denen meiner Kindheit. Und selbst damals wirkten sie irgendwie in kitschig und retro – wenn einem mit Liebesapfel in der einen und Lebkuchenherz in der anderen Hand eine Rose geschossen wurde. Das Future House vom Seehasenfest wäre im Europapark vermutlich FSK 6 und die Autoscooter erscheinen als reine Zeitverschwendung, wenn man stattdessen für eine Fahrt in der Silver Star anstehen könnte. Aber darum geht es offensichtlich nicht. Vielmehr geht es um das Miteinander (oder Gegeneinander im Falle der Autoscooter!) als um das höher, länger, schneller. Ein Stück buntes, zuckerwatte-süßes Leben für ein Wochenende in der eigenen Stadt, die man täglich auf dem Weg zum Bäcker, zu Arbeit, zur Bank, auf einem Spaziergang oder vom Wohnzimmerfenster aus, aber eben nie aus der Riesenrad-Perspektive erlebt. Und das mit dem ganzen Freundeskreis.

Dieses Miteinander war auf besagtem Jahrmarkt jedoch weit und breit nicht in Sicht. Auf den, mit grauen Planen zwischen den Buden und Fahrgeschäften ausgelegten, 5-Meter breiten Pfaden, liefen nur vereinzelt Menschen und in den Fahrgeschäften saßen selten mehr als 5 Personen. Die meisten der Leute schienen allein oder in kleinen Gruppen dort zu sein und liefen langsam ihre Runde vorbei an den Buden, wie an Schaufenstern in einer Shopping Mall. Nur dass die Bilder vor ihren Augen verschrobene, lachende Clowns, nackte Nymphen, Busse mit Gesichtern und Superhelden, anstelle von Taschen, Schuhen und Kleidern waren. Nach einer Partie Rosenschießen wollten mich zwei Thais aus unserer Gruppe überreden, mit der quietschenden Krake zu fahren, aber beim Anblick der rostigen Karosserie verlor ich den Mumm und habe mir das Ganze lieber vom Boden aus angesehen. Die Leere auf diesem riesigen Platz, die verblichenen, abgeblätterten Farben, das in die Jahre gekommene Riesenrad, begleitet von dem immer gleichen, zwischen Dur und Moll schwankenden Leierkasten-Jingle schienen mir plötzlich so entrückt, dass es mich schier gruselte. Ein Jahrmarkt wie aus einem Stephen King Film. Und dann kamen mir die Zeilen von “Carnival Town” wieder in den Kopf: “Round ‘n’ round, Carousel | Up ‘n’ down, Ferris wheel | Is it lonely?”

So habe ich das noch nie gesehen – bis zu diesem schaurig-schönen Abend… ;-)
 

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